Ausgesprochen schwierig Folge 1

Antworten zum Thema Stottern
Folge 1

Der Weltstottertag am 22. Oktober hat mich bewogen einen Newsletter dazu zu verfassen und damit eine kleine Serie zu starten. Wenn der Gesprächspartner stottert, weiß man oft nicht, wie man sich richtig dazu verhält? Soll man es ansprechen? Soll man es ignorieren? Um fundierte Antworten auf diese Fragen zu erhalten, habe ich meine Kollegin Uli Haas, die ihre logopädische Laufbahn der Stotterer Therapie gewidmet hat, zum Interview gebeten.

Liebe Uli!

Für mich wurde das Thema Stottern durch Dein Interview für den ORF, anlässlich des Welttags des Stotterns am 22.Oktober, virulent. Ich glaube, dass viele Menschen keinen Bezug zu Stottern haben, sich aber eventuell doch die eine oder andere Frage dazu stellen.

„Ja, das kann ich mir vorstellen, denn Aufgrund der Tatsache, dass „nur“ 1% unserer Bevölkerung von Stottern betroffen ist, haben viele Menschen noch nie Kontakt zu einem Betroffenen gehabt. Bei Stottern handelt es sich um eine Redeflussstörung, bei der es zu Silbenwiederholungen, Dehnungen und/oder Blockierungen kommen kann. Das sind die sogenannten Kernsymptome.

Am Beispiel der 2 Wörter Ausgesprochen schwierig, kann ich das so verschriftlichen:

 _______________Ausge  = Blockierung mit hartem Stimmeinsatz spro, spro, spro = Silbenwiederholungen chen  schwiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiierig = Dehnung

Woher kommt Stottern?

„Die Wissenschaft forscht viel. Heute weiß man, dass es sich  – vereinfacht gesagt – um einen  Schaltungsfehler im Gehirn handelt und zwar an der Nahtstellt zwischen Sprechplanung und  sprechmotorischer Ausführung. Weiters kann beobachtet werden, dass offenbar eine genetische Veranlagung gegeben sein kann. Das heißt, wenn in einer Familie Stottern aufgetreten ist- Vater, Mama, Opa, Onkel…- eine Anlagebereitschaft besteht. Dieses Gen kann weitervererbt werden, muss aber nicht unbedingt zum Ausbruch kommen.“

Was kann der Anlass für einen Ausbruch sein?

„Ganz unterschiedlich:  Oft gibt es keine ersichtlichen Auslöser, manchmal aber zum Beispiel der Tod eines Familienmitgliedes oder  Überforderung in der Familie durch beengte, erschwerte Lebenssituationen, wie wir sie zur Zeit durch den Corona bedingten Lockdown haben.“

Wenn ich eine stotternde Person treffe, wie verhalte ich mich richtig?

„Leider ist unsere Gesellschaft einerseits und oft auch die Betroffenen andererseits noch nicht sehr geschult im offenen Umgang mit dem Stottern. Wünschenswert wäre ein selbstverständlicher Umgang mit dem Stottern, ohne Scham, Angst, Peinlichkeit, Vermeidung oder Tabuisierung.“

Was heißt das?

„Ich empfehle gerne: Hören Sie ruhig zu. Versuchen Sie ruhig zu atmen. Bleiben Sie gelassen, wenn Sie Stottersymptome hören. Geben Sie dem Sprecher Zeit. Halten Sie Blickkontakt, aber verfallen Sie nicht in ein Anstarren. Wenn Sie dem Stotternden das Gefühl des guten Zuhörens und Wertschätzung vermitteln, wird die Unterhaltung für beide Beteiligte einfacher werden.“

Kann bzw. soll ich das Stottern offen ansprechen?

„Ich bin immer wieder überrascht, wie erleichtert Betroffene sind, wenn das Thema auf dem Tisch ist. So eine Formulierung braucht Mut und natürlich braucht es auch Behutsamkeit, denn manche Betroffene leiden sehr unter ihren Symptomen, auch wenn sie für unsere Ohren manchmal sehr gering sind.“

Wie spreche ich es am besten an?

„Mit: „Darf ich Sie etwas sehr Persönliches fragen?“ kann man den Stotterer schon ein bisschen auf die nächste Frage vorbereiten: „Ich beobachte, dass Sie manchmal mit dem Sprechen Schwierigkeiten haben. Können Sie mir einen Tipp geben, wie ich mich verhalten soll? Ich habe leider keine Erfahrung“. Ich würde mit dieser Frage zuwarten, aber wenn Sie das Gefühl haben, dass es nicht falsch sondern wertschätzend und unterstützend ankommt, dann wird Ihr Gegenüber oft erleichtert sein. Trotzdem gelingt es manchen jungen Erwachsenen oder auch Erwachsenen, die schon einige Therapieversuche durchlaufen haben, schlecht ihre Scham hinter sich zu lassen und den offenen Umgang mit ihrem Stottern zuzulassen.“

Wir sprechen hauptsächlich von männlichen Stotterern. Stimmt dieser Eindruck, dass mehr Männer als Frauen stottern?

„In der Literatur wird immer wieder beschrieben, dass das männliche Geschlecht mehr betroffen ist als das weibliche. Ich schaue jetzt auf fast 35 Jahre Stottertherapie zurück und bin mir nicht mehr ganz sicher, ob diese These wirklich stimmt. Ich meiner Praxis erlebe ich 50% Mädchen /Frauen und 50% Buben/Männer.“

Wohin kann ich jemanden hier in Österreich bei Bedarf verweisen? Sei es Betroffene, als auch Angehörige?

„ Ich mache die besten Erfahrungen mit der ÖSIS = Österreichische Selbsthilfe Initiative Stottern  www.oesis.at. Auf der Homepage kann man sich sehr genau über Stottern informieren,  man findet Literatur dazu und Kontaktadressen zu Selbsthilfegruppen in ganz Österreich.“

Liebe Uli! Herzlichen Dank für Deine ausführlichen Antworten und ich freue mich schon auf unser nächstes Interview zu Folge 2, wenn es um Stottern im Kleinkindalter geht !

Dazu gibt Uli Haas Antworten auf:

Was kann ich tun wenn mein Kind stottert? Wann soll ich mir Hilfe bei einer Logopädin oder einem Logopäden suchen?

Beratungsstelle in Deutschland: https://www.selbsthilfe-stottern.de Beratungsstelle in der Schweiz: https://www.versta.ch

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