Ausgesprochen schwierig Folge 3

Was haben Joe Biden, Marilyn Monroe, Rowan Atkinson und Bruce Willis gemeinsam? Sie haben gestottert. Marilyn Monroes gehauchter Stimmklang sollte Ihr beim flüssigen Sprechen helfen, Rowan Atkinson hat den stummen Mr. Bean erfunden und Bruce Willis Logopäde hat ihm geraten in andere Rollen zu schlüpfen*. Über das Stottern von König George VI. erzählt der Film „King’s Speech“, in dessen Rolle Colin Firth sehr authentisch stottert, hat ihn doch seine Schwester, die Logopädin ist, beraten. Und schon Demosthenes, einer der begnadetsten Redner der Antike, hatte eine Sprechstörung, die er durch Sprechen mit Kieselsteinen im Mund zu beheben wusste. Daher habe ich für die Stotter Blog Posts Kieselsteine als Sujet verwendet.

Aber was ist der Stand der Stotter-Therapie bei jugendlichen Erwachsenen und Erwachsenen heute?

Dazu gibt uns, in bewährter Manier, Uli Haas wieder Auskunft:

Was ist in der der Therapie von stotternden Schülerinnen und Schülern unbedingt notwendig zu wissen?

„Als erstes ist es mir ganz wichtig herauszufinden, ob der oder die Jugendliche von sich aus in die Therapie kommen möchte oder ob er/sie von jemandem, gut gemeint, zur Therapie überredet wurde.

In der ersten Sitzung nach der Diagnostik kläre ich den Jugendlichen/die Jugendliche auf, was in der Therapie zu erwarten ist, sodass sie entscheiden können, ob sie sich auf die Auseinandersetzung mit dem Stottern einlassen möchten. Jugendliche und Therapeut/Therapeutin brauchen Zeit, Geduld und ein gutes, wertschätzendes Vertrauensverhältnis im Herausfinden, um den passenden therapeutischen Weg zu finden.

Entscheidet sich der oder die Jugendliche zu einer Therapie, ist der Schulalltag für manche Stotternde nach wie vor eine große Hürde und auch für Lehrer schwer einschätzbar. Ich bitte Lehrer immer um einen Austausch, per Mail oder Telefonat. Sollte das Stottern noch von vielen Symptomen begleitet sein, bitte ich oder der Jugendlich um eine Freistellung von mündlichen Referaten für ein Schulsemester. Diese Arbeit wird schriftlich vorgelegt. Im nächsten Semester sollte dann das Referieren schon möglich sein, eventuell vorerst nur vor drei Schülern.

Um Vereinbarungen dieser Art mit der Lehrerschaft treffen zu können, braucht es den offenen Umgang mit dem Stottern von Seiten der Betroffenen und keine Tabuisierung. Das ist für Pubertierende oft der schwierigste Punkt in der Therapie. Wichtig ist auch zu wissen, dass stotternde Schüler/Schülerinnen keine ständige Sonderstellung erfahren sollen und diese dies auch nicht möchten.

In anderen Ländern, z.B.: in Deutschland gibt es für stotternde Schüler einen sogenannten Nachteilsausgleich. Im Österreichischen Bildungsministerium konnte ich im Sommer 2019 erfahren, dass es diesen Ausgleich bei uns (noch?) nicht gibt.“

Wie läuft eine logopädische Therapie mit erwachsenen Stotterern ab?

“ In der Erwachsenentherapie gilt es vorerst zu klären, warum der Klient meint, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Therapie ist. Manche haben schon Therapieerfahrung gesammelt, manche noch nicht. Oft sind berufliche Gründe ausschlaggebend wie zum Beispiel Firmen interne Seminartätigkeit oder mündliche Vorträge.

In einem intensiven Diagnostikgespräch müssen Klient und Therapeutin/Therapeut gemeinsam Antworten findenKämpft der Betroffene immer wieder stark gegen sein Stottern an?

  • Gibt es Sprechängste?
  • Kämpft der Betroffene immer wieder stark gegen sein Stottern an?
  • Geht er offen mit dem Stottern um oder wird es eher tabuisiert?
  • Vermeidet er Sprechsituationen?
  • Zieht er sich eher zurück?

Hilfesuchende sollen viel über das Stottern erfahren, wie den aktuellen Stand der Wissenschaft, die Ursachen, eventuell auslösende Faktoren und aufrechterhaltende Faktoren.

Wichtig! Eine seriöse Stottertherapie ist zeitaufwendig, braucht Mut und Ausdauer.

Leider werden im Internet immer wieder unseriöse Methoden mit extrem schneller „Heilung“ versprochen. Bitte davon Abstand nehmen!“

Empfehlenswerte Methoden?

Es gibt nicht die eine einzige Therapie

Wir Logopäd*innen müssen viele Methoden kennen, um mit den Klient*innen gemeinsam herauszufinden, womit er/sie am besten zurechtkommt, denn was für den/die eine(n) passt, ist für die/den anderen nicht stimmig.

Ich vertrete gerne Therapien mit Stotter – Modifikation, aber auch Methoden, die die Sprechflüssigkeit formen, wie zum Beispiel Fluency Shaping.

  • Therapie nach Charles van Riper,
  • Oskar Hausdörfer
  • Dr. Wolfgang Wendlandt
  • Peter Schneider
  • Dr. Patricia Sandrieser
  • Josè Amrein
  • Georg Thum
  • Roland Pauli
  • Alfred Sumetshammer und Dr. Kurt Pichler

Einige von Ihnen sind Betroffene und entwickelten daraus Therapieangebote für Stotternde. Sie schildern ihren Weg des Umgehen Lernens mit dem Stottern in Form von verschiedenen Büchern und /oder Seminarangeboten. Auf der Homepage der ÖSIS  www.oesis.at gibt es eine Fülle von lesenswerten Büchern zum Thema. Ebenso in Deutschland, in der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS).

Sollte sich im Laufe der Therapie herausstellen, dass trotz geringer Symptomatik, die Sprechangst überwiegt, empfehle ich eine unterstützende Psychotherapie.

Aus meiner praktischen Erfahrung  kann ich Folgendes empfehlen, nämlich, dass nach stattgefundener Einzeltherapie, das Arbeiten in Kleingruppen weiterhin stattfindet. Der Austausch über dieses tabuisierte Thema, ist meist sehr hilfreich. Und für manche ist jetzt der Zeitpunkt gegeben, wo sie sich mit den verschiedenen Selbsthilfegruppen auseinander setzen.

Das Ziel der Therapie ist, dass der Jugendliche/ Erwachsene mit seinem Stottern so gut als möglich umgehen lernt, ohne Angst, ohne Panik, ohne Scham, ohne Peinlichkeit, ohne Tabuisierung.

Ich will allen Betroffenen Mut machen, sich auf so einen Weg einzulassen.

Nicht die Umgebung bestimmt, wie Sie mit Ihrem Stottern umzugehen haben, sondern sie ganz persönlich!!“

Liebe Uli,

herzlichen Dank für diese ausführlichen Einblicke in die logopädische Therapie bei stotternden Erwachsenen und vor allem für Deine Zeit!

Ein sehr lieber Freund hat mir für diese Stotter-Reihe einen Artikel aus “ Der Zeit“ geschickt, den ich Ihnen hier abgebildet habe:

In der letzten Folge unserer Stotterer Serie wird uns Uli Haas einen Überblick über die Therapie von stotternden Kindern geben.

Bleiben Sie dran!

*Quelle: „Auch sie haben gestottert“ KURIER 15.11.20, Georg Markus

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