Ausgesprochen hörenswert Folge 2

Eine Hörminderung  wollen viele, meist ältere Menschen nicht wahrhaben und oftmals wird es als solche nicht realisiert. Die Aufforderung: „Sprich nicht so leise, Du nuschelst!“ ist ein erster und auch ernst zu nehmender Hinweis. Leider ist der Widerstand gegen ein Hörgerät, trotz technischen Fortschritts und kleiner Größe, ungebrochen groß.

In Folge eins habe ich die Unterschiede der zwei Arten der Hörminderung  dargestellt, nämlich die Schallleitungsschwerhörigkeit und die Schallempfindungsschwerhörigkeit.

Ein Hörgerät kommt meist bei einer Schallempfindungsschwerhörigkeit, einer Schädigung im Innenohr, zum Einsatz.

Wie kommt es zu so einer altersbedingten Hörminderung?

Das Innenohr besteht neben dem Gleichgewichtsorgan und dem Hörnerv aus der Hörschnecke. Diese Schnecke ist mit Lymphe gefüllt und am Boden der einzelnen Windungen stehen empfindsame Härchen senkrecht hoch.Trifft eine Hörschwingung an der Basis dieser Schnecke ein, wird sie von der Lymphe weitertransportiert und biegt währenddessen diese Härchen um, was einen Reiz an den Hörnerv sendet, den dieser weiter an das Hörzentrum leitet und wir können hören.

An der Basis liegen die Härchen für die hohen Töne, an der Spitze liegen die der tiefen Töne.

Und jetzt kommt‘s!

JEDER Schallimpuls schwingt über die Härchen der hohen Töne drüber entweder weil es hohe Töne sind oder weil es tiefe Töne sind, die aber bis zur Spitze schwingen müssen. Und ähnlich eines Fußabtreters, werden dort die Härchen früher abgenützt als an der Schneckenspitze.

Fazit: hohe Töne werden eher schlechter gehört als tiefe Töne.

Die häufiger beanspruchten Härchen werden früher abgenützt

So weit so klar.

Aber wie hängt das mit unserem Sprachverständnis zusammen?
  1. Zischlaute, wie „S“, „Z“ oder „F“ sind hochfrequent, kommen in unserer deutschen Sprache sehr häufig vor und sind daher wichtige Informationsgeber
  2. Hintergrundgeräusche agieren in derselben Tonhöhe wie die Zischlaute und überdecken diese bei Gesprächen in größerer Runde hervorragend ab
  3. Telefone/Handys regeln diesen Tonbereich auch gerne ab

Mit diesen Frequenzeinschränkungen wird gesprochene Sprache schlecht verstanden, besonders in größeren Gruppen oder mit Hintergrundgeräuschen. Was nicht gehört wird, wird nicht weitertransportiert, was dazu führt dass das Hörzentrum diese Schallimpulse vergisst!

Wenn dieses vergessliche Hörzentrum nun durch ein Hörgerät die unbekannten Geräusche oder Sprachteile neu geliefert bekommt, ist es heillos überfordert und übernimmt diese Schallwellen 1:1. Es weiß nicht mehr, was für das Verständnis relevant ist und daher in den Hintergrund gestellt werden kann und was nicht. Das führt bei der Hörgeräteträgerin oder dem Hörgeräteträger zu verständlichen Missempfindungen, weil „die Geräusche so immens“ laut sind und das führt zu dem sooft zitierten „Hörgerät am Nachtkastl“.

Ein Versuch: Horchen Sie beim nächsten Zeitung lesen, wie laut das Umblättern wirklich ist, rascheln Sie mit dem Zeitungspapier, horchen Sie, wenn Sie den Wasserhahn aufdrehen oder wie laut die Klospülung ist. Diese Geräusche filtert unser Gehirn für Gespräche als nicht informativ und regelt sie somit ab, damit wir gesprochene Sprache trotzdem verstehen können.

Folgende Zugänge liefern hier Abhilfe:

  1. Frühzeitiger als gewollt, sich mit dem Gedanken an ein Hörgerät zu befassen. Spätestens dann, wenn die HNO Ärztin, der HNO Arzt zum ersten Mal die Empfehlung dafür ausspricht!! Oder, wenn die anderen zu „nuscheln“ beginnen…….
  2. Ein geduldiger und kompetenter Hörgeräteakustiker
  3. Ein Hörtraining nach der Hörgeräteversorgung, bei dem sukzessiv diverse Geräusche und sprechrelevante Laute dem Hörzentrum wieder angeboten werden
Eine liebe Bekannte, die sich mit 65 Jahre für ein Hörgerät entschieden hat, hat sich für ein Interview über Ihre Erfahrungen damit zur Verfügung gestellt:

Liebe Irmgard,

Wie fühlst Du Dich seit Du das Hörgerät bekommen hast!? Freier ! Ich bin wieder dabei!

Wie lange hast Du gebraucht bis Du Dich zu einem Hörgerät durchgerungen hast? Sehr, sehr lange, viel zu lange! Jahre in denen es immer schlechter wurde.

Was hat Dich so lange zögern lassen? Das Gefühl dann „alt“ zu sei. Und leider auch die Bequemlichkeit, irgendwie habe ich mich durchgeschwindelt.Schwerhörigkeit liegt in unsere Familie Ich hatte auch die klobigen Geräte von früher im Kopf und dass die Geräte ja eh von vielen dann nicht genommen werden weil die Einstellungen nicht passen oder eben in der Handhabung schwierig sind. Heute weiß ich, dass eine individuelle Einstellung und eine gute Einschulung kein Problem mehr darstellen. Daher unbedingt sich selber Zeit geben um die passende Einstellung zu finden.

Was war das Ausschlaggebende, dass Du Dich dafür entschieden hast? Oft hatte ich das Gefühl bei Gesprächen nicht voll Dabei zu sein, eben weil ich nicht mehr sicher sein konnte ob ich alles richtig gehört / verstanden habe. An Reaktionen des Gegenübers konnte ich auch ein Erstaunen ob mancher Antworten bemerken. Daher habe ich mich auch immer mehr zurückgezogen.Sozusagen im Vorbeigehen hatte ich mich spontan entschlossen doch einmal ein Hörgerät auszuprobieren und konnte kurze Zeit später in einer größeren Freundesrunde feststellen, dass ich wieder viel mehr verstehe / höre – dann war alles klar!

Was kann Dein Hörgerät alles an technischen Finessen?

  • Unkomplizierte Akkuaufladung
  • Bluetooth
  • Lautstärkenregelung
  • Hörgerät App – könnte diverse Einstellungen verändern – wird von mir nicht genutzt

Gab es  Probleme nach der Anpassung? Nicht wirklich. Es war verblüffend zu hören, wie laut die normalen Nebengeräusche sind: Frisieren, aufgedrehtes Wasser, Reibegeräusche an Jacken, Zeitung umblättern, öffentlicher Lärm, Verkehr etc. Ein guter Hörakustiker nimmt sich viel Zeit und schaltet anfangs die Nebengeräusche leiser. Damit hat man gleich das Gefühl besser zu hören! Gemeinsam wurde eine Einstellung erarbeitet und ich verändere sie auch nicht , daher gibt`s keine Probleme.

Gibt es Probleme mit der Handhabung? Mit dem Hörgerät allein gar keine !Die Handhabung Hörgerät und Brille brauchte ein bisserl Übung – mit der Maske zusätzlich. Vorsicht beim Runternehmen der Maske, da rutscht es leicht mit – Maske mit Hinterkopfhalterung ist besser.

Was sind die drei größten Vorteile bzw. Änderungen, die Du bemerkt hast?

  • Ich kann wieder mitreden 😀
  • Zufriedener Partner 😅
  • Tinnitus hat sich verbessert

Wie hat Deine Umwelt/Familie/Freundeskreis reagiert? Durchwegs positiv ! Vor allem Musik hören oder gemeinsames Fernsehen ist für alle Beteiligten angenehmer geworden.

Was kannst Du Zauderern raten? Willst Du wieder Vögel zwitschern hören und Gespräche mitverfolgen, geh gleich zum Hörakustiker und starte einen unverbindlichen Versuch mit einem Hörgerät!!

Herzlichen Dank für dieses offene und ehrliche Interview! Ich hoffe, dass Du damit den Betroffenen ein wenig von ihren Vorurteilen nehmen konntest. Dir wünsche ich alles Gute und noch schöne Hörerlebnisse!

Ein Kommentar

  1. Sanne Stria

    Liebe Sanne,
    vielen Dank für den wieder tollen Newsletter! Ich selbst trage seit 2 Jahren ein Hörgerät. Seitdem hat sich meine Lebensqualität total gesteigert, weil ich jetzt wieder alles verstehen kann. Ich gehe auch offen damit um, denn ein Brille trägt doch fast jeder und die sitzt mitten im Gesicht. Das ist auch kein Stigma, aber ein Hörgerät ein vermeintliches.
    Viele liebe Grüße und Sonnenstrahlen
    Petra

    Petra Ziegler und Team
    http://www.klangstruktur.de

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